Ralf Stieber: Nichts oder: A Journey to the No-go-Area
A journey to the No-go-Area

Vorspann

Deutschland, erfolgreiche Industrienation, geübt im selbstkritischen Hinterfragen und trotzdem im Kern selbstbewusst, zweifelt dem wachsenden Bruttosozialprodukt folgend von Jahr zu Jahr mehr an sich selbst. An Stelle des Atomausstiegs ist der Einstieg in die Zweifelspirale gerückt, Selbstzweifel und kritische Verzweiflung gehören zum guten Ton. Die Spannungen zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Inländern und Ausländern, Männern und Frauen, Fleischessern und Vegetariern sowie zahlreichen anderen (Wort-)Paaren nehmen zu. Auch die Vergesslichkeit im Lande wächst an. Traditionen, Beziehungen und Bindungen hingegen lösen sich auf, vertraute Grenzziehungen funktionieren nicht mehr. In einigen Regionen des Landes spricht man kaum mehr die Landessprache, in anderen sitzt man seit Jahr und Tag nur noch sprachlos vor dem Fernseher. Erst kürzlich wieder entdeckt Landesteile entvölkern sich zusehends und verwandeln sich unbesehen in blühende Landschaften. Rechtslenker und deren Mitläufer wittern Morgenluft, man ertüchtigt sich gewaltig im Schwarzweißdenken, die eigene kränkelnde Identität soll gerettet werden.


Eine eigenartige Lustlosigkeit lähmt das Land, die Geburten-, Denk- und Kreativitätsraten sinken trotz flächendeckend angebotenen zinslosen Ratenzahlungen. Die Nation versammelt sich Lemmingen gleich in Ballungsräumen, erbaut sich an der exklusiven Intimität von Fußballstadien und Fußgängerzonen. Trotz der latenten Angefressenheit zieht der Lockruf des Konsums noch immer, die neue Friteuse, die exklusive Dampfbügelstation, der  geile DVD-Player, das nützliche Fotohandy wollen erworben werden. Befriedigung stellt sich keine ein. Der Zweifel wächst. Auf Satellitenbildern ist eine zunehmende Verkalkung und Verknöcherung der Gesellschaft zu entdecken.


Entspricht dieses Szenario der Wahrheit? Verwandelt sich tatsächlich ganz Deutschland in eine No-go-Area? Das ist die Frage, die nicht nur von intellektuellen Zweiflern immer häufiger gestellt wird. Das Wort  „No-go-Area“ geht dabei viel zu leicht über die Zunge.  „Nichts oder: A Journey to the No-go-Area“ warnt daher eindrücklich mit Schwarzweißbildern vor Schwarzmalerei.  Der Text wehrt sich gegen eine Verallgemeinerung und eine einseitige Verortung der No-go-Area.


Das Projekt „Nichts oder: A Journey to the No-go-Area“ war eine Studienreise im letzten Jahrtausend. Deren Ergebnisse auf den Spuren der No-go-Area konnten mangels Fördermitteln erst jetzt ausgewertet werden. Inwieweit sie paradigmatisch für ein Phänomen sein könnte, und zur aktuellen Diskussion über die No-go-Area beiträgt, müssen die Leserinnen und Leser entscheiden.

Ralf Stieber, Karlsruhe 2006